Wilhelm von Polenz - Die alte Buche
(Gesammelte Werke, Band 9)

Auf halber Höhe eine Buche steht,
dort wo der Weg in schmaler Krümmung geht;
schon manche hundert Jahre ward sie alt,
hell leuchtend vor dem ersten Föhrenwald,
gleicht sie der guten alten Tempelhüterin.

Viele Paare schreiten heimlich zu ihr hin,
nachsichtig sah sie manches Stelldichein,
unzähl´ge Namen grub man in sie ein.

Die vielen Wunden tuen ihr nicht weh,
sie wächst nur um so stolzer in die Höh
und weil der Gipfel in den Himmel steigt,
sie ihre Zweige freundlich tiefer neigt.

Zu einer Laube biegend das Geäst,
das keinem Neugierauge Durchblick lässt.
Der Seufzer viele wurden ihr vertraut,
Paar um Paar sie mütterlich getraut.

Die Leute wechseln und die Moden auch,
doch niemals ändert sich der Liebe Brauch.
Sie sieht und hört dasselbe fort und fort,
doch plaudert nimmer aus das kleinste Wort.

Nur manchmal nachts bei Sommerwindeswehn,
hört man ein Flüstern durch die Zweige gehen.
leis mit sich selber raunt die Alte da,
von wunderlichen Dingen, die sie sah.

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